Studie: Care works in music? Wer macht die Care-Work, wer Karriere?
Anlässlich des MUSIC SUMMITs 2025 hat das Musikforum Rheinland-Pfalz in Kooperation mit dem music family hub und musicRLPwomen* eine Umfrage zu Care-Arbeit in der Musikbranche gestartet.
Die Umfrage umfasst Themen zu Vereinbarkeit, beruflichem Selbstbild und strukturellen Anforderungen permanenter Verfügbarkeit.
Ziel war es die Teilhabemöglichkeiten von Menschen in Care-Work zu erheben. Care-Work (Sorgearbeit) umfasst alle Tätigkeiten des Sorgens und Sich-Kümmerns, wie Kinderbetreuung, Pflege und Betreuung pflegebedürftiger Menschen sowie Hilfe im Haushalt und Unterstützung im sozialen Umfeld. Audioeinspieler verdichten zentrale Befunde der Studie und eröffnen persönliche Perspektiven auf Themen wie Familienplanung, Sichtbarkeit, Überforderung, mentale Gesundheit und berufliche Neupriorisierung.
Demografie der Studie
An der Studie nahmen insgesamt 95 Personen aus unterschiedlichen Bereichen der Musikindustrie teil. Der Großteil der Befragten sind Elternteile. Darüber hinaus gaben sechs Personen an, in Pflegeaufgaben eingebunden zu sein, während fünf Personen aktuell keine Care-Arbeit übernehmen.
Die Teilnehmenden der Studie waren überwiegend weiblich: 65 Prozent der Befragten identifizierten sich als weiblich, 33 Prozent als männlich, jeweils ein Prozent als divers beziehungsweise nicht-binär.
Auch die beruflichen Hintergründe der Teilnehmenden bilden ein breites Spektrum der Musikbranche ab. 38 Prozent der Befragten arbeiten als Musiker*innen, 13 Prozent im Eventmanagement, 8 Prozent in Labels oder Verlagen und 6 Prozent als Produzent*innen. Darüber hinaus waren unter anderem Personen aus den Bereichen Management, Booking, PR, Songwriting, Musikpädagogik, Artist und Tour Management, Musikjournalismus sowie Sound- und Lichttechnik und Instrumentenbau vertreten.
Ergebnisse der Studie
Die Ergebnisse der Studie umfassen die Themenbereiche Verhaltensveränderung durch Care Work, Erwartungen und Selbstbild, Emotionen und Mental Load, Arbeitsbedingungen, Sichtbarkeit und Tabuisierung.
In Form von Audioeinspielern können die Erkenntnisse der Studien in Konferenzformaten präsentiert und besprochen werden.
Die Einspieler wurden produziert vom Musikforum Rheinland-Pfalz in Kooperation mit musicRLPwomen*
Hier werden die Transkripte der Einspieler zum Nachlesen abgebildet:
Verhaltensveränderungen durch Care Work
Care Work verändert das Leben. Das klingt selbstverständlich – aber was das konkret für Musiker*innen bedeutet, zeigt unsere Studie sehr eindrücklich.
Proben werden reduziert. Touren abgesagt. Auftritte nicht wahrgenommen. Wer Verantwortung für andere trägt, kann im Musikbusiness oft nicht mehr flexibel reagieren. Und genau diese Flexibilität ist zentral. Auch der Bericht des European Expert Network on Culture and Audiovisual über Status- und Arbeitsbedingungen betont die Flexibilität und Mobilität von Eltern als Schlüsselherausforderung (Das European Expert Network– Anforderungen, die mit Care-Verpflichtungen schwer vereinbar sind.
Doch die Folgen reichen tiefer. Viele entwickeln eine „defensive Karriereführung“: weniger Risiko, weniger Reisen, weniger Spontanität. Stattdessen der Versuch, sich auf planbare, sichere Projekte zu konzentrieren. Eine Anpassung – aber auch ein Verlust an Möglichkeiten.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Care Work erweist sich für viele als eine erhebliche Hürde. Vielleicht geht es dabei aber um mehr als nur um Vereinbarkeit. Care Work macht auch sichtbar, unter welchen Bedingungen Musikarbeit überhaupt möglich ist. Eine Befragte formuliert das so: „Kinder decken mitunter nur die Verhältnisse auf, in denen wir vorher schon gestruggelt haben: Der Musiker*innenberuf ist nur für Menschen mit finanziellem Kapital möglich.“
Unsere Studie zeigt jedoch: Entscheidend ist nicht nur finanzielles Kapital. Auch soziales Kapital kann entlasten, etwa durch familiäre Unterstützung bei der Betreuung oder auch kulturelles Kapital, wie bspw. das Wissen darüber, welche Unterstützungsmöglichkeiten es überhaupt gibt. Solche Ressourcen können helfen, die Prekarität im Musikberuf zumindest ein Stück weit abzufedern.
Erwartungen und Selbstbild
Schon bevor überhaupt Kinder da sind, steht für viele eine andere Frage im Raum: Lässt sich ein Leben mit Familie überhaupt mit einem Beruf in der Musikbranche vereinbaren? In unserer Studie beschreibt die große Mehrheit der Befragten, dass genau diese Vorstellung ihre Familienplanung verunsichert oder verunsichert hat. Denn die Entscheidung für Kinder wird oft nicht nur emotional oder privat gedacht, sondern unmittelbar mit beruflichen Risiken verbunden: mit möglichen Karriereknicks, Einkommensausfällen oder dem Verlust von Sichtbarkeit.
Viele treffen ihre Lebensentscheidungen also unter dem Eindruck eines strukturellen Risikos. Wie stark dieser Druck ist, zeigt sich besonders in der Erwartung permanenter Verfügbarkeit. Eine Musikerin aus unserer Studie beschreibt es so:
„Musikerin sein funktioniert nur hundertprozentig. Alles andere wird sofort bestraft. Wer nicht am Ball bleibt, ist nicht präsent und steht nicht auf der Bühne.“ ggfs. Wird hier von jemanden anderen einsprechen. In dieser Logik wird jede Pause zum potenziellen Risiko – Schwangerschaft, Elternzeit oder Pflege.
Zwar berichten einige Befragte, dass sie mit Kind inzwischen mehr Aufmerksamkeit oder Wertschätzung in ihrem Berufsfeld erfahren. Gleichzeitig bleibt die Vorstellung bestehen, immer verfügbar sein zu müssen. Wer Care-Arbeit übernimmt, weicht von diesem Ideal ab.
In unserer Auswertung sehen wir deutlich: 70 Prozent der Befragten geben an, dass sich ihr berufliches Selbstbild durch Care Work verändert hat. Das ist keine Ausnahme, sondern die Erfahrung einer Mehrheit. In den Auswertungen zeigen sich dabei drei wiederkehrende Muster. Das erste ist der Versuch, trotz veränderter Kapazitäten weiterhin genauso viel oder sogar mehr zu leisten – oft verbunden mit dem Anspruch, gleichzeitig im Beruf erfolgreich und als Mutter ein Vorbild zu sein. Das zweite Muster ist Überforderung: Erschöpfung, Burnout oder einschneidende Veränderungen der beruflichen Situation.
Und das dritte Muster ist eine bewusste Neuordnung. Care Work führt dazu, Prioritäten zu verschieben, Grenzen klarer zu setzen und berufliche Ziele neu zu sortieren. Aktuelle Forschung * zeigt, wie stark gesellschaftliche Erwartungen an Elternschaft das Selbstbild und die mentale Gesundheit beeinflussen. Auch unsere Befunde lassen sich vor diesem Hintergrund lesen: Eltern bewegen sich in einem doppelten Erwartungsfeld. Auf der einen Seite stehen die Anforderungen einer Branche, in der ständige Präsenz als selbstverständlich gilt. Auf der anderen Seite gesellschaftliche Vorstellungen davon, was „gute“ Elternschaft bedeutet.
Die Veränderungen im beruflichen Selbstbild, die beschriebenen Überforderungen und die Neupriorisierungen entstehen genau in dieser Spannung – zwischen den Idealen der Musikwelt und den eigenen oder gesellschaftlichen Ansprüchen an Elternschaft.
*Quelle:
Delgado-Herrera, A. M., González-González, A., Rodríguez-Rey, R., & Córdoba, L. (2024). Relationship between gender roles, motherhood beliefs and mental health. PLOS ONE, 19(3).
Emotionen und Mental Load
Zitate unserer Befragten zeichnen immer wieder ein Bild emotionaler Hochbelastung. Viele sprechen von Erschöpfung, von Schuldgefühlen – und von dem Gefühl, weniger sichtbar, weniger präsent zu sein.
Dabei geht es nicht nur um die zusätzliche Zeit, die Care-Arbeit kostet. Immer wieder beschreiben die Befragten auch die permanente Verantwortung im Hintergrund als Herausforderung: mitdenken, organisieren, erinnern, koordinieren.
Dieser Mental Load erscheint in unserer Auswertung nicht als bloße Nebenwirkung von Care-Arbeit, sondern als eigene Belastungsdimension – eine, die dauerhaft Aufmerksamkeit bindet und dazu führt, dass Arbeit unter ständiger Doppelanforderung stattfindet.
Aktuelle Forschung beschreibt genau dieses Muster. Eine Studie von Catalano Weeks und Kolleginnen aus dem Jahr 2025* zeigt, dass Mütter den Großteil dieser mentalen Organisationsarbeit tragen – also Planen, Strukturieren und Erinnern –, selbst dann, wenn sie beruflich erfolgreich sind oder hohe Einkommen erzielen.
Die Studie zeigt außerdem: Mehr Ressourcen können körperliche Hausarbeit zwar reduzieren, die gedankliche Verantwortung bleibt jedoch häufig bestehen. Die Autorinnen sprechen deshalb von einer „gendered cognitive stickiness“ – also davon, dass mentale Verantwortung an Müttern „haften bleibt“, unabhängig von Einkommen oder Erwerbsstatus.
Im Kontext der Musikbranche verschärft sich diese Belastung zusätzlich. Denn hier trifft ein ohnehin hoher psychischer Druck – durch unregelmäßige Arbeitszeiten, Leistungsdruck und prekäre Arbeitsbedingungen – auf einen besonders ausgeprägten Mental Load.
Gerade in einem Berufsfeld, das kreative und kognitive Präsenz verlangt, entsteht dadurch eine direkte Konkurrenz um mentale Ressourcen.
Wer permanent Familienorganisation mitdenken muss, hat weniger Raum für Konzentration, Vertiefung und emotionale Belastbarkeit.
Oder anders gesagt: Die Frage, wie viel mentale Energie Care-Arbeit bindet, wird in der Musikbranche schnell auch zu einer Frage beruflicher Teilhabe.
*Quelle:
Weeks, J., Kowalewska, S., & Ruppanner, L. (2025). Take a Load Off? Not for Mothers: Gender, Cognitive Labor, and Care Work Across 19 Countries. Socius, 11.
Arbeitsbedingungen, Sichtbarkeit und Tabuisierung
Schon die Vorstellung, Familie und Musikbranche miteinander vereinbaren zu müssen, sorgt bei vielen für große Verunsicherung. Rund 90 Prozent der Befragten sagen, dass die erwarteten Vereinbarkeitsprobleme ihre Familienplanung beeinflussen oder verunsichern. Gleichzeitig zeigt sich eine weitere Sorge: 66 Prozent befürchten, durch Care Work an Sichtbarkeit und Wertschätzung in der Branche zu verlieren.
Eine klare Mehrheit erlebt ihr Berufsfeld dabei nicht als familienfreundlich. Viele berichten von finanziellen Engpässen, die ihre Arbeit in der Musikbranche einschränken. Andere beschreiben, wie fehlende Unterstützung ihre berufliche Entwicklung erschwert.
Was sich durch viele Aussagen zieht, ist das Gefühl, dass Engagement für Familie im beruflichen Umfeld kaum anerkannt wird.
Besonders deutlich wird das dort, wo es um Präsenz geht. Viele Befragte erzählen, wie schwierig es ist, trotz Betreuungsaufgaben sichtbar zu bleiben: Veranstaltungen zu besuchen, Netzwerke zu pflegen oder spontan verfügbar zu sein. Care Work trifft in der Musikbranche dabei auf Arbeitsstrukturen, die oft das Gegenteil von Planbarkeit verlangen: Abendtermine, Wochenendarbeit, Touring, Residenzen und kurzfristige Projekte. Genau solche Strukturen beschreibt auch die Studie „The Sound of Support“ * als ausschließend für Menschen mit Care-Verantwortung.
In unserer Auswertung zeigt sich außerdem, wie entscheidend soziale und finanzielle Ressourcen sind.
Wer auf stabile Netzwerke, Unterstützung vor Ort, finanzielle Rücklagen oder Partner*innen mit eigenem Einkommen zurückgreifen kann, hat eher die Möglichkeit, Touren, Abendtermine oder Residenzen weiterhin wahrzunehmen – und damit sichtbar zu bleiben.
Fehlen diese Ressourcen, wird Care Work für viele zu einem doppelten Risiko: für die berufliche Entwicklung und für die eigene materielle Existenz.
Mehrere Befragte berichten außerdem davon, dass Care-Arbeit im Musikumfeld teilweise sogar als Schwäche gelesen wird. Es fallen Kommentare über „unzuverlässige“ Mütter. Manche beschreiben einen spürbar kühleren Umgang nach der Bekanntgabe einer Schwangerschaft. Andere erzählen, nach notwendigen Absagen nicht erneut eingeladen worden zu sein.
In vielen dieser Erfahrungen zeigt sich dieselbe Haltung: Care-Arbeit wird noch immer häufig als Störung professioneller Abläufe wahrgenommen – und nicht als selbstverständlicher Teil gesellschaftlicher Realität.
*Quelle:
Castledale Inc. (2025). The sound of support: Exploring the Music Community’s Caregiver Needs. Toronto: Women in Music Canada & Music Publishers Canada. Hier verfügbar.